Mitgliederversammlung

Die Mitgliederversammlung findet in der Regel einmal jährlich im Zusammenhang mit dem Bachfest der Neuen Bachgesellschaft statt. Sie muss satzungsgemäße Tagesordnungspunkte behandeln, gibt aber Gelegenheit, auch aktuelle Fragen zu klären. Mitgliederversammlungen erweisen sich als Kristallisationspunkte der Kommunikation in der Neuen Bachgesellschaft.

Die nächste Mitgliederversammlung findet anläßlich des 87. Bachfestes am 08.09.2012 in Görlitz statt. (Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben).

 

Hätte Bach Pippi Langstrumpf gekannt, hätte er sicher eine Fuge für sie geschrieben

Beobachtungen bei den Kinder- und Jugendworkshops der Bachwoche Ansbach 2011

 

„Und jetzt setzen wir alle unsere Rhythmusmaschine in Gang: klatschen, schnipsen, klatschen, schnipsen – uuuund: JOHANN SEBASTIAN BACH. ER IST UNSER STAR. EIN COMPOSITEUR, EIN GENIE, DER EINER DER GRÖSSTEN WAR…“

Montag, der 1. August 2011, morgens um 9.30 Uhr in der Aula des Platen-Gymnasiums Ansbach. So kann die Auseinandersetzung mit Bach auch beginnen: Mit fast 70 Kindern und Jugendlichen zwischen 4 und 14 Jahren beim munteren Rap zu Bachs Lebensstationen -  Auftakt für vier Stunden intensiver Beschäftigung mit Bachscher Musik und Vita unter der Anleitung erfahrener und engagierter Musikpädagoginnen. Nach dem gemeinsamen Bach-Rap zur Einstimmung bilden die Vier- bis Sechsjährigen, die Sieben- bis Zehnjährigen und die Elf- bis Vierzehnjährigen drei Gruppen und ziehen sich in verschiedene Klassenräume zurück. Seit dem vergangenen Samstag sind sie täglich hier versammelt, obwohl am Freitag erst die Schulferien in Bayern begonnen haben. Statt auf den Berg oder an die See zieht es sie zurück in die Schule, weil ihnen hier etwas geboten wird, das vom üblichen schulischen Musikunterricht meilenweit entfernt ist. In  der Woche vom 30. Juli bis zum 6. August wird hier spielerisch das Pensum eines ganzen Schuljahres erarbeitet.

Die Idee zu diesem Projekt stammt von Petra Mengeringhausen, gebürtige Ansbacherin, die in Frankfurt Musikpädagogik studiert hat und, mittlerweile in Paris ansässig, in Frankreich wie Deutschland ausgefallene Musikworkshops anbietet. Dr. Andreas Bomba, Intendant der Bachwoche, griff Mengeringhausens Anregung mit Begeisterung auf und ließ sie ihr ursprüngliches Konzept auf den jetzigen, beachtlichen Umfang ausdehnen, der natürlich nur mit intensiver organisatorischer Unterstützung durch die Geschäftsstelle der Bachwoche möglich ist. Nach dem großen Zuspruch beim Debüt auf der Bachwoche 2009 wurden die Kurse 2011 in gleichem Umfang erneut angeboten. Mit Erfolg: Die meisten Kurstage sind komplett ausgebucht; gut die Hälfte der Kinder hat ein Abo und kommt jeden Tag, die anderen stoßen zeitweise dazu. Deshalb bietet jeder Tag ein in sich geschlossenes Programm. An diesem 1. August 2011 lauten die Themen: „Der Garten des Paradieses“ – Orgelmusik Bachs und ein Besuch der Ansbacher Wiegleb-Orgel für die ‚Märchengruppe’ der Kleinen; den Mittleren werden „Wirbelnde Winde“ geboten – es geht um die Kantate „Phoebus und Pan“; „In Lüneburg. Sonaten und Suiten für Streichinstrumente“ steht auf dem Plan der Großen. Gemeinsam mit Petra Mengeringhausen darf ich heute überall einmal Mäuschen spielen…

„Fliegt ein Kuckuck übers Meer, kommt ein Hai vorbei…“ tönt es aus dem ersten Raum. Drinnen sitzen 25 Kinder im Kreis und klatschen rhythmisch, während sie den Text sprechen. „An welcher Stelle klatsche ich?“, fragt die Kursleiterin in die Runde. „Richtig – bei ‚Kuckuck’. Wir werden jetzt immer leiser, bis wir schließlich den Text stumm, nur für uns, wiederholen, dabei aber immer an der richtigen Stelle klatschen.“ Höchste Konzentration  - es gelingt! Dann wird es lebhaft: Die Frage, wie ein Schlosspark üblicherweise gestaltet ist, ruft rege Beteiligung hervor, schließlich hat die alte Residenzstadt Ansbach da einiges an Anschauungsmaterial zu bieten. Über die Statuen ist es nicht mehr weit bis zur griechischen Mythologie; nach einem kleinen Exkurs über die Musen gelangen wir zu Pythagoras; ein Holzblock mit einer Saite veranschaulicht das Monochord. Während die Gruppe „Schlaf, Kindlein, schlaf“ singt, zupft die Leiterin immerfort die eine Saite an. „Langweilig? Das fand Pythagoras auch…“ und über Selbstversuche mit einem Klötzchen, das der Saite an verschiedenen Stellen unterlegt wird, lassen sich verschiedene Tonhöhen und ihre Relationen zueinander entdecken. „Jetzt hast du tatsächlich genau die Oktave getroffen“, staunt die Pädagogin, während zwei Jungs sofort ein Lineal besorgen, um die Saitenlängen auszumessen. „Aber wenn er etwas Schnelles spielen will und das Klötzchen ganz schnell hin- und herschiebt, dann geht die Saite kaputt!“, wird ein Einwand laut. „Genau – und deshalb hat er es dann auch mit mehreren, verschieden langen Saiten versucht…“ Lernziel erreicht! „Und jetzt habt ihr lange genug gesessen, räumt mal eure Taschen aus dem Weg“ – wir nutzen die Gelegenheit, zur nächsten Gruppe zu wechseln.

Leise, meditative Orgelmusik ertönt – ernsthaft und voll konzentriert schreiten die Vier- bis Sechsjährigen durch den Raum, blasen bunte Tücher in die Luft und fangen sie im Gehen wieder auf. Eine wirklich zauberhafte Stimmung umfängt uns hier in der „Märchengruppe“, die mit dem „Garten des Paradieses“ auf ein Märchen von Hans Christian Andersen zurückgreift.  „Und nun alle Winde wieder auf ihren Platz“, ruft uns die Pädagogin in die Wirklichkeit einer nüchternen Schulklasse zurück. „Das Märchen von den Winden dient als Vorbereitung auf die spätere Orgelführung“, flüstert mir Petra Mengeringhausen zu, während sich die Kleinen nun wie die Orgelpfeifen aufstellen sollen. Dann bekommen alle eine echte kleine Orgelpfeife in die Hand. „Und was muss man machen, damit die jetzt klingen?“ – „Reinblasen!!!“ – gesagt, getan: Ohrenbetäubender Lärm ist die logische Folge. „Und jetzt jeder einzeln! Alle anderen sind still!“ Mit großer Aufmerksamkeit wird den Klängen der einzelnen Pfeifchen gelauscht. Wir gehen leise weiter zu den Großen.
„In Lüneburg. 1717 bis 1723“ steht über einem recht komplexen Tafelbild. „Storyboard“ ist diese Gruppe betitelt: Im Storyboard sind die wichtigen Szenen und Abläufe eines Films festgehalten; dieser Workshop beleuchtet wichtige biographische Stationen Bachs anhand von Filmausschnitten; es wird Musik gehört sowie selbst musiziert und Theater gespielt. Hier geht es nun wesentlich intellektueller zu. Sätze einer Bach-Cellosuite aus dem Laptop werden mit Versen von Hermann Hesse konfrontiert. „Wir vergegenwärtigen uns den Weg, den Johann Sebastian mit seinem Freund  Georg Erdmann gegangen ist“, erläutert die Kursleiterin. Wir hingegen machen uns mit den Kleinen auf den Weg zur Gumbertus-Kirche.

Unterwegs erzählt mir Petra Mengeringhausen, dass sich das Kursangebot gezielt auch an auswärtige Bachwochen-Besucher richtet, die die Kinder oder Enkel hier bestens versorgt wissen, während sie das 11-Uhr-Konzert besuchen. Sie schätzt, dass dieses Angebot von etwa 40 Prozent der Kursteilnehmer genutzt wird, während die übrigen 60 Prozent Ansbacher Kinder sind. Die künstlerische Verbindung zum Bachwochen-Programm wird dadurch  hergestellt, dass jede Gruppe einmal Besuch von einem der dort auftretenden Musiker erhält. In diesem Falle ist es Rudolf Lutz, Organist, Chorleiter und Dirigent aus St. Gallen, der der „Märchengruppe“ die Orgel in St. Gumbertus erklären wird - weshalb sich die Kinder ausnahmsweise einmal zum Künstler begeben und nicht umgekehrt.
Wo gestern abend noch die Windsbacher Chorknaben standen und das Publikum im Kantatenkonzert zu Begeisterungsstürmen hinrissen, lassen sich nun die Kleinen nieder und schauen gespannt zu Lutz, der auf der Truhenorgel lustige Sachen spielt, etwa die Filmmelodie zu „Pippi Langstrumpf“.  „Bach hat Pippi Langstrumpf leider nicht gekannt, sonst hätte er bestimmt eine Fuge für sie geschrieben“, meint Lutz und improvisiert eine Fuge über das „Pipi“-Thema, versehen mit Erklärungen, was das denn überhaupt ist – so eine Fuge. Dann kommt er auf die Winde zurück: „Wie klingt wohl ein scharfer Nordwind? – Nein, der ist ja viel zu zart: Kann der mal laut winden…? – Und jetzt ein lauer Wind im Frühling , ja – sogar mit Vogelgezwitscher: schön! – Und jetzt ein Sturmwind! – Jaaa! Und jetzt donnert ’s und blitzt ’s! Prima!“ Heftiges Trampeln der fünfzig Kinderfüße bringt die hölzernen Choraufbauten ins Ächzen. Alle haben einen Riesenspaß… Dann lenkt Lutz den Blick auf die gewaltige Orgel gegenüber. „Meint ihr, die Orgel könnte für uns spielen? Ruft ihr doch mal zu!“ Ein eher zaghaftes „Orgel!“ wird von der Angerufenen ebenso erwidert. Die Kinder lauschen gespannt. „Ihr müsst lauter rufen!“  „ORGEL!“ tönt es entschlossener; auch die Antwort kommt entschiedener zurück. „Ich habe da oben gerade einen Menschen gesehen“, ruft eines der Kinder, fast ein bisschen empört über die Entzauberung. „Ja, das ist der Simon! Hallo, Simon – würdest du etwas für uns spielen?“
Nach dem kleinen Vorspiel des jungen Organist dürfen die Kinder alle Fragen stellen, die ihnen in den Sinn kommen. „Wie schafft man es, dass sich der Stern dort oben bewegt?“ Simon bringt den Zimbelstern zum Einsatz. „Wie geht das überhaupt, dass die Orgel spielt?“ Lutz teilt die Kinder in „Blasebalggruppen“ ein und lässt sie pusten. „Stärker pusten - die Orgel braucht viel Luft!“ Und dann geht es hinauf auf die Seitenemporen und die Kinder dürfen sich die passende Musik zu ihren mitgebrachten Tüchern wünschen. Blau – das steht für eine tiefe und laute Musik. Gelb – das ist hell und fröhlich. Grüne Tücher bedeuten eine Wiese, über die ein Pferd läuft. „Jetzt hören wir, wie das Pferd zu bocken beginnt  - im Pedal! Und jetzt wiehert es laut…“ Die Kinder sind begeistert.  „Können wir für die weißen Tücher einen Schneesturm bekommen?“ Das lässt sich Lutz nicht zweimal sagen: „Erst ein paar zarte Flocken … dann immer mehr … es wird kälter und kälter … es wird gefährlich auf der Straße …da tobt ein richtiger ‚blizzard’… die Leute rennen nach Hause – und essen dort ein Käsefondue, jedenfalls wenn sie in der Schweiz sind…“

Ob das die ehrwürdige Orgel in St. Gumbertus schon einmal erlebt hat? Zum krönenden Abschluss dürfen die Kinder direkt zu Lutz an den Spieltisch und jedes darf ein Register ziehen, um zu hören, wie es klingt. „Alexa hat die Spitzflöte gewählt!  - Und du willst den Subbass? Das ist der tiefste Ton, der rumpelt im Bauch! – Aha, du wählst das Fagott…“ Sogleich erscheint die musikalische Gestalt des Großvaters aus „Peter und der Wolf“. „Das kenne ich“, jubeln ein paar Kinder. Lutz freut sich. Die Posaune taugt ihm, um ein „lustiges fränkisches Märschlein“ zu improvisieren. „Das ist das Tolle an der Orgel: Man kann alle Arten von Musik auf ihr spielen“, gibt er den Kindern zum Abschied mit auf den Weg. Das Schöne ist: Sie konnten sich gerade auf unterhaltsamste Art und Weise selbst davon überzeugen…

Zurück in der Schule begutachten wir die Entwicklung in den anderen beiden Gruppen: Die Großen sind gerade dabei, die Spielszene „Johann Sebastian und Georg im Wald auf der Reise nach Lüneburg“ auszuarbeiten. Die Sieben- bis Zehnjährigen haben mittlerweile Panflöten gebastelt und üben eine Musiknummer ein: Ein Junge spielt eine Melodie aus der „Bauernkantate“ auf dem Keyboard, begleitet von vier Xylophonen und allen Panflöten. Punkt viertel nach eins findet alltäglich die „Mittagspräsentation“ statt, bei der jede Gruppe ein Arbeitsergebnis vorführt. Die begeisterten Eltern filmen und applaudieren.

Ein erfüllter Vormittag geht zu Ende. Auch Petra Mengeringhausen ist zufrieden mit dem Ertrag ihrer wochenlangen Vorbereitungsarbeit. Bevor wir die Schule verlassen, zeigt sie mir noch das beachtliche „Instrumentenlager“: Die umliegenden Schulen leihen aus, was der Fundus hergibt; einiges bringen die Lehrer selbst noch mit, sodass die Kursteilnehmer eine reiche Auswahl haben. Der große Zuspruch, den die Kurse 2011 erfahren, macht die engagierte Musikpädagogin zuversichtlich, dass es ihre Kinder- und Jugendworkshops auch bei künftigen Bachwochen geben wird. Dass man in Ansbach Konzerte mit den führenden Interpreten weltweit erleben kann, das ist seit 1947 der Fall -  in diesem Jahr kamen etwas Andreas Scholl mit dem Freiburger Barockorchester, das „Ensemble Baroque de Limoges“ unter Christophe Coin, Lise de la Salle, das Münchener Kammerorchester, Cantus Cölln, Jordi Savalls „Le Concert des Nations“, das Klavierduo Tal-Groethuysen oder der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann. Dass dort Kinder- und Jugendarbeit auf so beglückendem Niveau stattfindet, ist hingegen neu. Und an diesem Engagement können sich andere Festivals ein Beispiel nehmen.

Sabine Näher

 

********