Bach-Jahrbuch

Das Bach-Jahrbuch erscheint seit 1904 und stellt das älteste wissenschaftliche Periodikum dar, das einem einzelnen Musiker gewidmet ist. Durch zusammenfassende Jahrgänge während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit - durch Einsparungen verursacht - wird im Jahr 2004 erst der 90. Jahrgang erscheinen. Es repräsentiert sowohl durch seine Beiträge als auch durch die bisher regelmäßig hier veröffentlichte Bach-Bibliographie den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Bachforschung. Im Anschluss finden Sie das Inhaltsverzeichnis des neuesten Jahrgangs.

 

96. Jahrgang 2010

 

INHALT

Werner Breig (Erlangen), "Ueberhaupt ist mit dem Choral nicht zu spaßen". Neue Bemerkungen zum Cantus-firmus-Kanon in Bachs choralgebundenem Orgelwerk

George B. Stauffer (New Brunswick, New Jersey), Ein neuer Blick auf bachs "Handexemplare": Das Beispiel Clavier-Übung III

Anatoly P.Milka (St.Petersburg), Zur Datierung der H-Moll-Messe und der Kunst der Fuge

Hans-Joachim Schulze (Leipzig), Rätselhafte Auftragswerke Johann Sebastian Bachs. Anmerkungen zu einigen Kantatentexten

Tatjana Schabalina (St.Petersburg), Neue Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte der Kantaten BWV 34 und 34a

Peter Wollny (Leipzig), Zwei Bach-Funde in Mügeln. C.P.E. Bach, Picander und die Leipziger Kirchenmusik in den 1730er Jahren

Michael Maul (Leipzig), Johann Adolph Scheibes Bach-Kritik. Hintergründe und Schauplätze einer musikalischen Kontroverse

Konrad Küster (Freiburg i.Br.), Christian Friedrich Fischers Kieler Musiker-Rezitativ von 1751. Ein Bach-Dokument aus dem Umfeld der Mizlerschen Societät

Pieter Dirksen (Culemborg, Niederlande), Zur Echtheit der Johann Christoph Bach (1642-1703) zugeschriebenen Clavierwerke

Barbara Wiermann (Leipzig), "Sie haben ein sehr guten musikalischen Magen, deßwegen erhalten Sie hierbey starke Speisen". Johann Heinrich Grave und das Sammeln von Musikalien im späten 18.Jahrhundert

 

Kleine Beiträge

Gottfried Simpfendörfer (Lauda-Königshofen), Die leipziger Pfingstkantate von 1721 - ein Werk von Johann Sebastian Bach?

Rashid-S. Pegah (Würzburg), ....welches ich auch alles gesehen". Ein fränkischer Adliger und Bachs Geburtstagskantate für August den Starken (BWV Anh.9/BC G14)

Peter Ward Jones (Oxford), Zwei unbekannte bach-Handschriften aus dem Besitz Felix Mendelssohns Bartholdys

Matteo Messori (Bologna), Ein 16´-Cembalo mit Pedalcembalo von Zacharias Hildebrandt

 

Bach-Jahrbuch 2010

Der diesjährige Band enthält zehn große und vier kleine Beiträge von international renommierten Wissenschaftlern aus Deutschland, den USA, Rußland, den Niederlanden, England und Italien. Werner Breig befaßt sich mit den Cantus-firmus-Kanons in Bachs choralgebundenem Orgelwerk und erläutert die komplexen Gestaltungsprinzipien dieses bemerkenswerten Verfahrens. George B. Stauffer stellt ein bislang unbeachtet gebliebenes Exemplar des Originaldrucks von Clavier-Übung III vor, das zahlreiche Eintragungen von Bachs Hand in roter Tinte enthält. Anhand dieses Fundes entwickelt er eine neue Theorie zur Bewertung von Bachs „Handexemplaren“ seiner eigenen Publikationen. Anatoly P. Milka unternimmt den Versuch, anhand schriftkundlicher Studien die Datierung von Bachs letzten beiden Werken, der H-Moll-Messe und der Kunst der Fuge, genauer zu fixieren. Er kommt dabei zu dem Schluß, daß die letzten Arbeiten an der Kunst der Fuge unmittelbar vor der Augenoperation stattgefunden haben müssen.

Hans-Joachim Schulze befasst sich mit drei Vokalwerken Bachs (BWV 150/BC B 24, BWV 36c/BC G 34 und BWV 209/BC G 50), deren Texte er auf bislang unbekannte Hinweise zum jeweiligen Entstehungsanlass befragt. Die zum Teil verblüffenden Ergebnisse erhellen die noch immer stark unterbelichtete Sphäre von Bachs Gönnern und Auftraggebern und ziehen weitreichende personen- und familiengeschichtliche Erkundungen nach sich.

Tatjana Schabalina präsentiert neue Erkenntnisse zur Entstehung der Kantaten BWV 34 und 34a. Ausgehend von ihrer im BJ 2008 vorgestellten Entdeckung eines Textdrucks aus dem Jahr 1727 untersucht sie die Originalquellen der beiden Kompositionen, in denen sie zahlreiche Hinweise auf eine komplexe Werkgeschichte findet.

Peter Wollny berichtet über die Auffindung von zwei Bach-Handschriften im Kantoreiarchiv der kleinen sächsischen Stadt Mügeln; die Quellen – ein Autograph J. S. Bachs und ein Autograph des jugendlichen C. P. E. Bach mit dem frühesten von ihm komponierten Vokalwerk – werfen neues Licht auf die Leipziger Kirchenmusikpflege in den 1730er Jahren und bieten zudem Hinweise auf den rätselhaften Picander-Jahrgang. Michael Maul befaßt sich mit Johann Adolph Scheibes berühmter Bach-Kritik; anhand zahlreicher bislang unbekannter Dokumente erläutert er Hintergründe und Schauplätze einer musikalischen Kontroverse. Als Schlüssel für eine neue Deutung des Streits entpuppt sich ein von Bachs Vetter Johann Gottfried Walther annotiertes Exemplar von Scheibes „Sendschreiben“ , in dem sämtliche kritisierten Musiker namentlich identifiziert werden.

Konrad Küster stellt ein Bach-Dokument aus dem Umfeld von Lorenz Christoph Mizlers „Societät der musikalischen Wissenschafften“ vor: Ein Rezitativ in einer 1751 von dem Kieler Kantor Christian Friedrich Fischer aufgeführten Hochzeitskantate entwirft eine Geschichte der deutschen Musik und ihrer maßgeblichen Protagonisten zwischen etwa 1650 und 1750. Pieter Dirksen stellt Erkundungen zur Echtheit der Johann Christoph Bach (1642–1703) zugeschriebenen Tastenwerke an. Die Befragung der Quellen und die Bestimmung des stilistischen Profils liefern hierzu wichtige Anhaltspunkte. Barbara Wiermann rekonstruiert die Musiksammlung des Greifswalder Advokaten Johann Heinrich Grave und erläutert die biographischen und sozialgeschichtlichen Bedingungen, die für die Entstehung einer der bemerkenswertesten Sammlungen von Werken C. P. E. Bachs und anderer Komponisten des späten 18. Jahrhunderts maßgeblich waren.

Die Reihe der „Kleinen Beiträge“ wird eröffnet von Gottfried Simpfendörfers Überlegungen zum Komponisten einer 1721 in Leipzig aufgeführten Pfingstkantate; seiner Meinung nach ist das Werk identisch mit Bachs Weimarer Kantate „Erschallet, ihr Lieder“ BWV 172. Rashid-Sascha Pegah stellt den Bericht eines Studenten über die Leipziger Huldigungsfeierlichkeiten für August den Starken im Mai 1727 vor, in dem auch Bachs Festmusik „Entfernet euch, ihr heitern Sterne“ (BWV Anh. 9 / BC G 14) erwähnt wird. Peter Ward Jones weist auf zwei bislang unbekannte Abschriften Bachscher Werke aus dem Besitz Felix Mendelssohn Barthodys hin, und Matteo Messori spürt einem Pedal-Cembalo von Zacharias Hildebrandt nach, das möglicherweise für Aufführungen von Bachs Collegium musicum benutzt wurde.

Peter Wollny

 

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